22.07.2019 / news

Burkina Faso: Mehr als 5000 vertriebene Christen

Christen sind von der islamistischen Gewalt in Burkina Faso stark betroffen. Mehr als 5000 wurden in letzter Zeit vertrieben. Mindestens 200 Kirchen wurden im Norden des Landes geschlossen. Niemand war auf diese Welle vorbereitet.

Christen sind von der Gewalt extremistischer Gruppen in Burkina Faso stark betroffen. Seit Anfang des Jahres sind mindestens 27 Christen bei gezielten Angriffen gestorben. Daneben wurden auch eine unbekannte Anzahl von Hirten und ihren Familien entführt – sie befinden sich noch in Gefangenschaft. Die gestiegene Unsicherheit löste in der christlichen Bevölkerung grosse Angst aus.

Kirche war nicht vorbereitet

Nach Ansicht mehrerer Pastoren war die Kirche nicht auf die aktuelle Situation vorbereitet. Einige hatten zwar über die Verfolgung gepredigt und vor dieser Bedrohung gewarnt, aber niemand war auf das Ausmass und das Tempo der Verschlechterung der Sicherheit vorbereitet. Im Norden des Landes wurden mehr als 200 Kirchen geschlossen, um weitere Angriffe zu verhindern. In den meisten ländlichen Gebieten wird von Sonntags-Gottesdiensten abgeraten. Zu den am stärksten betroffenen Konfessionen gehören die Kirchen, die zur Konfession der «Assemblies of God» gehören, die im Norden am stärksten vertreten sind.

Mehr als 5000 vertriebene Christen

Ein Mitglied des «Open House Teams», das kürzlich die Gegend besuchte, erklärt: «Dschihadisten haben damit begonnen, Kirchen zu bedrohen, indem sie Warnungen verschickt haben. Sie forderten, dass die Gottesdienste in den Gemeinden Arbinda, Dablo, Dschibo, Kongoussi und weiteren Orten nicht mehr durchgeführt werden.»

Mehr als 5000 Pastoren und Gemeindemitglieder wurden gezwungen, sich in Lagern für Binnenvertriebene niederzulassen oder mit ihren Familien und Freunden im Süden, im Zentrum oder in der Hauptstadt Ouagadougou Zuflucht zu suchen. Die grösste Zahl der vertriebenen Christen befindet sich in Kaya, im Nord-Zentrum, wo sich fast tausend vertriebene Christen registriert hatten, weitere kommen täglich dazu.

«Das ist der grösste Schock unseres Lebens»

Die fliehenden Menschen liefen mit wenig mehr als ihrer Kleidung am Leib davon. Die meisten christlichen Schulen im Norden wurden geschlossen. Viele christliche Kinder können deshalb nicht mehr in die Schule gehen, weil es sich die Familien nicht leisten können, das Schulgeld in ihrer neuen Region zu bezahlen. Im ganzen Land organisieren die Kirchen Lebensmittelaktionen zur Unterstützung der betroffenen Gläubigen, aber sie sind nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

«Das ist der grösste Schock unseres christlichen Lebens», erklärt Pastor Daniel Sawadogo von Dablo. «Niemals in unserer kühnsten Phantasie dachten wir, dass dies passieren würde und dass wir heute auf die Hilfe anderer Christen an sichereren Orten angewiesen sein würden.» Der Pastor fügt hinzu: «Wir haben alles verlassen wofür wir gearbeitet haben. Unsere Kinder wurden von der Schule verwiesen. Einige unserer Männer wurden ohne Vorwarnung getötet.»

Kirchenleiter fordern Christen auf, standhaft zu bleiben

Der Erzbischof von Ouagadougou, Philippe Ouedraogo, forderte die Christen auf, sich nicht in die ethnischen und religiösen Kämpfe hineinreissen zu lassen: «Wir, die Konfessionen und alle Menschen müssen ‘Nein’ sagen. Wir werden uns nicht in diese Dynamik, dieses ethnische und religiöse Chaos verstricken lassen. Wir sind ein Volk, wir werden ein Volk bleiben.»

Einige Kirchen haben deutlich gemacht, dass sie sich weiterhin dafür einsetzen, ihre Evangelisations-Programme in den betroffenen Gebieten fortzusetzen. Die Leiter der «Föderation der Evangelischen Kirchen und Missionen» (FEME) sagten, sie glauben, dass die Kirche standhaft bleiben wird: «Während der Revolution wurde die Kirche vom Staat bedroht, doch sie wuchs. So wird die Kirche auch diesmal gestärkt aus dem Chaos hervorgehen.»

«Jesus Christus lässt uns nicht im Stich»

Pastor Philippe Bamogo sagt: «Wir wissen, was der Feind tun kann. Seine Wege und Strategien sind uns in der Heiligen Schrift weitgehend offenbart. Der Schmerz kann die ganze Nacht anhalten, aber die Freude kommt am Morgen. Wir leiden heute, aber unsere Herzen sind stark im Herrn. Er wird uns zu gegebener Zeit zu Hilfe kommen.»

Pastor Theodore Sawadago von den «Assemblies of God» in Kaya fügt hinzu: «Wir sind getröstet durch das Wort unseres Herrn Jesus Christus: ‘Ich werde dich nie verlassen oder versäumen’. Auch wenn wir als Kirche diese Verfolgung nicht klar sehen konnten, glauben wir, dass diese Situation die Kirche stärken wird.»

Acht gezielte Angriffe auf Christen seit Februar

Seit Anfang des Jahres sind 27 Christen bei acht gezielten Angriffen gestorben.

  • Am Donnerstag-Abend, 27. Juni, betraten nicht identifizierte, bewaffnete Männer das Dorf Bani im Norden des Landes, etwa zehn Kilometer vom Städtchen Bourzanga entfernt. Sie töteten vier Menschen, alles Katholiken. Laut den gesammelten Zeugenaussagen baten die Angreifer alle Dorfbewohner, sich hinzulegen. Sie suchten nach Christen, indem sie sie nach ihren Vornamen fragten oder nach christlichen Zeichen wie zum Beispiel Kreuzen suchten. Die vier Personen, die Kreuze trugen, wurden hingerichtet. Es sind David und Philippe Zoungrana, Théophile Ouedraogo und Ernest Kassoaga.
  • Am Sonntag 26. Mai wurden vier Gläubige der Katholischen Kirche von Toulfe im Norden des Landes getötet, als Angreifer einen Gottesdienst unterbrachen. Um 9 Uhr am Morgen kamen acht schwer bewaffnete Personen mit vier Motorrädern ins Dorf. Sie betraten die Kirche und erschossen drei Besucher. Ein vierter Christ starb später an den Folgen seiner Verletzungen. Bei dem Angriff wurden mehrere weitere Menschen verletzt.
  • Am 13. Mai wurden vier Katholiken in Singa, in der Gemeinde Zimtenga, in der Region «Centre Nord» während einer Prozession hingerichtet. Die Täter liessen die Kinder gehen, bevor sie die vier Erwachsenen hinrichten.
  • Am 12. Mai wurden sechs Menschen, darunter ein Priester, Siméon Yampa, von 20 bis 30 bewaffneten Männern getötet, die die Katholische Kirche von Dablo, ebenfalls im Norden Burkina Fasos stürmten, während die Messe gefeiert wurde. Sie zündeten die Kirche sowie Geschäfte, das Gesundheitszentrum und andere Gebäude an.
  • Am 28. April wurden sechs Menschen in einer Kirche in der Kleinstadt Silgadji bei Dschibo im Norden Burkina Fasos getötet. Die mutmasslichen islamischen Militanten kamen gegen Mittag gegen Ende des Gottesdienstes mit sieben Motorrädern an und töteten Pastor Pierre Ouedraogo, seinen Sohn Wend-Kuni, seinen Schwager Zoéyandé Sawadogo (der als Diakon wirkte), Sayouba und Arouna Sawadogo sowie Elie Boena (der Lehrer war). Pastor Ouedraogo hinterlässt seine Frau Roukieta und sechs weitere Kinder.
  • Am 23. April wurde Elie Zoré, Leiter der Kirche der «Assemblies of God» in Bouloutou, in der Nähe von Arbinda, der Hauptstadt der Sahel-Provinz, ermordet.
  • Am 19. Februar wurde Jean Sawadogo (54), Pastor einer Kirche in Tasmakatt, auf der Strasse zwischen Tasmakatt und Gorom-Gorom getötet. Er hinterlässt seine Frau und sieben Kinder.
  • Am 15. Februar wurde der Priester Antonio Cesar Fernandez (72 Jahre alt) an der Grenze zu Nohao ermordet. Er und zwei weitere Priester waren Opfer eines jihadistischen Angriffs auf den Posten, als sie aus Togo kamen.

Ein islamischer Staat im Osten Burkina Fasos

Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung «The Guardian» ist ein Grossteil des östlichen Teils des Landes unter die Kontrolle mehrerer islamischer extremistischer Gruppen gefallen, was zu einem islamischen Staat führt: «Gruppen greifen Sicherheitskräfte, Schulen und andere staatliche Symbole an und exekutieren verdächtige Regierungsspione.»

Ein Bewohner beobachtete: «Um 18 Uhr müssen alle in die Moschee gehen, dann direkt nach Hause Haus. Mitten in der Nacht musst du dir Predigten anhören. Du hast kein Recht, sie zu kritisieren. Frauen müssen ihren Kopf bedecken.» Musik und Feste sind verboten. Die Bewohner dieser Region sind gezwungen, den Anweisungen der Extremisten zu folgen, sonst werden sie getötet: «Wenn man raucht, wird einem zunächst einfach gesagt, man soll es nicht tun. Beim dritten Mal töten sie dich.»

Konflikte keine Seltenheit

Konflikte um Land, Wasser und andere Ressourcen sind in Burkina Faso keine Seltenheit. Doch seit 2014, als eine Volksrevolution die 27-jährige Regierungszeit von Präsident Blaise Compaoré beendete, hat sich die Situation weiter verschärft. Sie hat ein Machtvakuum geschaffen, das extremistische Gruppen schnell gefüllt haben und ethnische Konflikte schürt. Viele der Dschihadisten gehören zur Volksgruppe der Peule.

Ein Beobachter erzählt: «Viele Faktoren tragen zur Gewalt in Burkina Faso bei: Politische, wirtschaftliche, indigene und religiöse. In letzterem Punkt wurden viele junge Burkinabés durch die Lehre eines islamistischen Predigers namens Malam Dicko, ebenfalls Anführer der extremistischen ‘Ansarul-Islam’-Gruppe, radikalisiert. Er ist in der Lage, seine Lehren ungehindert auf den lokalen Radiosendern zu verbreiten.»

Ausnahmezustand ausgerufen

Laut Rinaldo Depagne von der «International Crisis Group» ist der Erfolg der extremistischen Gruppen, die die Macht im Osten Burkina Fasos eroberten, auf zwei Gründe zurückzuführen: «Ein strenger Islam sowie politische Rhetorik: Sie versprechen Dienstleistungen die der Staat nicht bieten kann.»

Die Regierung hat in sieben der Verwaltungsregionen des Landes den Ausnahmezustand ausgerufen, aber viele sagen, dass diese staatlichen Massnahmen von Brutalität begleitet werden. Die NGO «Human Rights Watch» dokumentierte 40 Morde von bewaffneten islamistischen Extremistengruppen im nördlichen Sahel zwischen Mitte 2018 und Ende März 2019. Berichten zufolge haben die Sicherheitskräfte dreimal so viele Menschen getötet. Diese Brutalitäten wurden auch von der Website «New Humanitarian» in einem Bericht über die Situation in Burkina Faso rapportiert. Die Gewalt hat zur Bildung von Selbstverteidigungsmilizen und damit zu einer Zunahme ethnischer Gewalt geführt.

Zehntausende von Vertriebenen

Schätzungen zufolge starben durch die Gewalt seit Januar hunderte von Menschen und zehntausende von Zivilisten wurden vertrieben, was zu einer beispiellosen humanitären Krise geführt hat. Nach UN-Angaben geschehen fast täglich Angriffe auf Zivilisten:

  • Die Vertreibung von mehr als 135’000 Burkinabés, von denen zwei Drittel seit Anfang 2019 vertrieben wurden.
  • Mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung. 250’000 Patienten werden der Pflege beraubt, weil Gesundheitszentren gewaltsam geschlossen wurden oder ihre Dienstleistungen eingeschränkt worden sind.
  • Die Schliessung vieler Schulen. Bis zu 1111 von 2869 Schulen wurden geschlossen (nach Angaben von «BBC»). Rund 119’000 Kinder werden der Schulbildung beraubt.

Ein Lehrer sagt: «Dschihadisten ersetzen öffentliche Schulen durch arabische Schulen. Wir erhielten eine ernste Warnung zu gehen. Die Regierung hat einige Schüler und Lehrer erfolgreich in sicherere Gebiete versetzt.»

Open Doors will Hilfe bieten

Unsere Mitarbeiter sind dabei herauszufinden, was die beste Hilfe für Christen in Burkina Faso ist. Open Doors arbeitet derzeit nicht in Burkina Faso, ist aber in Mali, Elfenbeinküste, Niger und Togo vertreten.

Burkina Faso liegt im südlichen Sahel und grenzt an Mali, Niger, Benin, Togo, Ghana und Elfenbeinküste. Die Bevölkerung des Landes besteht überwiegend aus Muslimen, 35 Prozent der Einwohner sind Christen.