01.11.2019 /
China
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«Die Kirche wächst wegen der Verfolgung»

Seit 2017 vermittelt die chinesische Regierung der Kirche in ganz China deutlich, dass nicht registrierte christliche Treffen nicht toleriert werden. Pastor Jin*, dessen Kirche sich in der Region befindet, in der die meisten Razzien durchgeführt wurden, beobachtet, wie sich die Mitglieder seiner Kirche in dieser Zeit verändert haben. Ein Mitarbeiter von Open Doors traf sich kürzlich mit ihm, um zu erfahren, wie Gott die Verfolgung zur Verbreitung des Evangeliums in China nutzt.

Jin, ein ruhiger aber entschlossener Mann Mitte dreissig, ist Pastor in einem Netzwerk von städtischen und ländlichen Gemeinden, die sich vor allem zu Hause treffen. Obwohl Open Doors seit Jahren mit diesem Netzwerk zusammenarbeitet, wirkt er zu Beginn ängstlich und zurückhaltend. Erst später verstehen wir warum.
 «Ich bin jetzt ein anderer Mensch», sagt er nachdenklich. «Ohne die Ereignisse der letzten zwei Jahre wäre mein Dienst ins Stocken geraten und unsere Kirche wäre niemals so gewachsen. Jetzt haben wir eine lebendige Gemeinde und ich erwarte, dass wir weiter wachsen.»

Falsche Sicherheit
Jin blickt zurück auf das Jahr 2017, als die Kirche kaum staatliche Eingriffe erlebte. Alles stand zum Besten, aber er war nicht zufrieden. Tief im Innern wusste er, dass sie – zumindest im Vergleich zu früher – bequem, ja gar selbstgefällig geworden waren.

«Die Kirche wuchs langsam, aber der Wunsch, sich zum Anbeten, Bibellesen und Beten zu treffen, wurde langsam von der Anziehungskraft von Arbeit, Geld und Unterhaltung vertrieben. Die alte Leiden­schaft war einfach nicht mehr da. Es war, als wiegten wir uns in trügerischer Sicherheit.»

Er hätte die Warnzeichen sehen sollen: Teile der alten Rhetorik über «religiösen Aberglauben», «Fanatismus» und «Fremdinfiltration», die sich in Ankündigungen der Regierung, Zeitungen und Fernsehkommentare zurückschlichen. Noch beunruhigender war es jedoch, als die Regierung verkündete, dass es nötig sei, «die fünf grossen Religionen zu sinisieren und aktiv anzuleiten, damit sich diese der sozialistischen Gesellschaft anpassen». Der Ton und die Dringlichkeit dieser Aussage deuteten darauf hin, dass eine neue Zeit ­beginnen würde.

In Haft
Alles änderte sich eines Tages Ende 2017, als eine Gruppe Christen aus seiner Kirche ein Treffen für Leute, die mehr über den Glauben wissen wollten, abhielt. Die Polizei traf kurz darauf ein, um sie zu verhaften. Während die beteiligten Christen freigelassen wurden, wurde Pastor Jin auf die Polizeistation gerufen. Er war derjenige, der bestraft werden musste, um eine Botschaft an den Rest der Kirche zu senden.

«Ich wurde mehr als zehn Tage festgehalten und mir wurde jeder Kontakt zu Familie und Freunden verweigert. Sie befragten mich wiederholt zu Kirchenaktivitäten, meinem Leiterteam, Verbindungen zu regionalen Leitern und Auslandkontakten.»

Allein mit seinen Gedanken
Die Einzelhaft war schrecklich für Jin. Seine Gedanken nicht mit anderen Menschen verarbeiten zu können, war wie eine Folter. Er betete viel und sang Lobpreislieder, aber als sich die Tage ­hinzogen, kamen Zweifel auf.
«Ich stellte mir immer wieder die gleichen Fragen. Will ich wirklich Pastor sein? Bin ich wirklich berufen? Was passiert, wenn sie mich von meiner Familie und Kirche wegschicken? Wird die Gemeinde denken, dass ich sie im Stich gelassen habe? Der Kampf in meinem Kopf lief auf eine Frage hinaus: Wenn ich von Gott berufen bin, bin ich wirklich bereit, alles für das Evangelium zu opfern?»



Frei, aber noch immer in Ketten
Am letzten Tag der Haft hatte er mit sich selbst und mit Gott Frieden geschlossen. Er wusste ohne jeden Zweifel, dass er Gott dienen und in dieser Region Pastor sein würde, egal was passiert. Am nächsten Tag wurde er entlassen. Doch mit seiner Entlassung waren nicht alle ­Probleme gelöst.

«Natürlich waren wir alle glücklich, wieder zusammen zu sein, aber wir wussten, dass wir von nun an genau beobachtet würden. Ja, ich war entschlossen, Gott ohne Vorbehalt zu dienen, aber wie würde dies aussehen, jetzt da ich ‚frei’ war? Ein falscher Entscheid konnte andere in Gefahr bringen. Und ich stand unter strenger Beobachtung», so Jin.

2018 führte die Regierung ihr landesweites Überwachungssystem mit Millionen von Kameras und einer Gesichtserkennungssoftware ein. «Ich war in ihrer Datenbank und erkennbar, wenn ich eine ihrer Kameras auf der Strasse, in einem Einkaufszentrum, in einem Zug oder beim Betreten eines Hauses passierte.»

Ein neues politisches Klima
Jin hatte sein Vertrauen als Leiter verloren. Er wusste nicht, ob er anderen vertrauen sollte und ob sie ihm noch vertrauten. Langsam, durch viel Gnade von Seiten seiner Familie und Freunde in der Kirche, erholte er sich. Anfang 2018 nahm er seinen Dienst wieder auf, wenn auch vorsichtig und mit einem verschärften Bewusstsein für das neue politische Klima.

Am 1. Februar 2018 wurden die überarbeiteten Religionsvorschriften von der Regierung verabschiedet, welche den lokalen Behörden mehr Autorität in religiösen Angelegenheiten verliehen.

«Die Rhetorik, die wir gehört hatten, meine Inhaftierung und alles, was im Gefängnis geschehen war, machten auf einmal Sinn. Eine neue Säuberung hatte begonnen.»

Eine neue Ausrichtung
In dieser Zeit der Prüfung haben sich die Christen in der Kirche neu ausgerichtet. Die Gemeinde konzentrierte sich nicht mehr darauf, dass die Gottesdienste gut organisiert und «beeindruckend sind», sondern sorgte in kleineren Gruppen gegen­seitig ­füreinander.

«Wir begannen, einen Reichtum an Gemeinschaft zu erleben, wie wir ihn schon lange nicht mehr gespürt hatten. Wir beteten oft füreinander, Beziehungen wurden wiederhergestellt und es geschahen wieder Wunder», erzählt Jin.

So mag die Kirche geographisch zwar getrennt gewesen sein, im Geist war sie jedoch mehr denn je vereint. Und zu Jins Überraschung begannen gerade die Gemeindemitglieder, die früher zu beschäftigt waren oder sich nicht qualifiziert genug fühlten, diese kleinen ­Gruppen zu leiten.

«Unsere Leute sind reifer geworden, weil sie dafür verantwortlich sind, die Bibel zu lehren, zu beten und die Treffen vorzubereiten. Das politische Klima ist so bedrückend geworden, dass der Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht deutlich sichtbar geworden ist. Niemand hier will Dunkelheit, alle wollen das Licht. Die biblische Wahrheit und die Beziehung zu Jesus sind so wichtig geworden, dass die Gläubigen nun jeden Moment der Gemeinschaft schätzen.»

Für Jin lohnt sich nichts mehr, als in China als Pastor zu dienen. Er ist überzeugt, dass die Kirche wegen der Verfolgung wächst. «Ich habe wieder Hoffnung, nicht etwa, weil wir schon am Ziel sind – wir haben noch viel zu lernen – sondern weil wir wieder lebendig sind und wachsen und die Menschen für Gottes Reich ausrüsten.» /

*Name geändert

Bild: Eines der vielen Gefängnisse in China, wo Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert sind.

Auszug November 2019 – Magazin