08.03.2021 /
Nigeria
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Nigeria: Hilfe für missbrauchte und verstossene Frauen

Fast sieben Jahre nach dem Angriff von Boko Haram auf die staatliche Mädchenschule in Chibok befinden sich immer noch 112 Mädchen in Gefangenschaft. Die grausame Islamisierung durch Angriffe, Entführungen und Missbrauch geht weiter. Open Doors hat zahlreichen Überlebenden der Entführung durch Boko Haram und anderen Opfern von geschlechtsspezifischer Gewalt in Nigeria emotionale und praktische Unterstützung ­geboten.

Patience* ist eine Traumaberaterin bei Open Doors. Als ihrem Team auffiel, wie viele Frauen schwer traumatisiert aus den Lagern von Boko Haram entkamen und sich nicht wieder in ihre Gemeinschaft einfügen konnten, beschlossen sie, Traumaseminare speziell für entführte Frauen anzubieten. Wir haben Patience gefragt, was sie in den Seminaren tun.

«Wir bringen die Frauen für eine Woche nach Jos und helfen ihnen dabei, mit jedem Aspekt des Traumas umzugehen, das sie in und nach den Lagern erlebt haben. Diese Frauen wurden gewaltsam entführt, sexuell missbraucht, zu Ehen und Konversionen gezwungen; viele haben auch Kinder. Einige erleben bei ihrer Rückkehr sogar ein noch grösseres Trauma, weil sie von ihren Familien und Gemeinschaften verstossen ­werden.»

Hast du eine Vorstellung davon, wie das Leben für die Frauen in Gefangenschaft war?

«Die Frauen, die an den Traumaseminaren teilnehmen, fühlen sich sicher, die wahren Ereignisse in der Gruppe zu teilen, weil sie von Frauen umgeben sind, die ihren Schmerz teilen. Aus diesen Gruppensitzungen haben wir eine ziemlich gute Vorstellung davon, was ihnen widerfahren ist. Die Räume in den Lagern sind überfüllt. Es gibt keine Belüftung. Keine Fenster. Es ist ein Gefängnis für diejenigen, die sich weigern, zum Islam zu konvertieren. Sie werden dort teilweise jahrelang festgehalten; sie leben in ständiger Angst, geschlagen, vergewaltigt oder gar getötet zu werden.»

Wie sind diese Frauen in der Lage, Tag für Tag unter solch schrecklichen Umständen zu leben?

«Die meisten von ihnen sagen, dass sie nur durch die Gnade Gottes überlebt haben und Gott ihnen die Kraft dazu gegeben hat, als sie gebetet haben. Eine der Frauen erzählte uns, dass sie gezwungen wurde, Muslima zu werden; wenn sie betete, betete sie jedoch zu Jesus. Als ihre Entführer das bemerkten, misshandelten sie sie und sperrten sie in eine Höhle. Schliesslich half ihr eine der Ehefrauen des Anführers bei der Flucht.»

Was sind einige der grössten Hindernisse, denen diese Frauen bei ihrer Rückkehr ­begegnen?

«Alle Frauen erleben zu einem gewissen Grad Ablehnung. Wenn sie nach draussen gehen, werden sie beschimpft, verspottet und gedemütigt. Aber einige werden sogar von ihren Familien abgelehnt.

So wenige Menschen in ihrer Familie und Gemeinschaft haben Mitgefühl für das, was ihnen widerfahren ist. Während der Seminare sehen wir viele Frauen, die unter Depressionen und Angstzuständen leiden. Sie erzählen uns, dass sie sich beschmutzt fühlen und sich selbst hassen.»

Wie helfen die Trauma­seminare den Frauen?

«Gebet spielt eine wichtige Rolle dabei, dass die Frauen ihren Schmerz verarbeiten können. Es gibt ihnen den Mut, sich zu öffnen. Sie müssen durch unsere Arbeit Gottes Liebe und Fürsorge erfahren.

Wir begleiten die Frauen aber auch nach den Seminaren. Wir helfen ihnen, ein Zuhause zu finden, wenn sie nicht zu ihren Familien zurückkehren können. Wir helfen ihnen, Arbeit zu finden, damit sie für sich selbst sorgen können. Wenn sie eine Ausbildung brauchen, sorgen wir dafür, dass ihnen diese ermöglicht wird. All dies hilft, ihnen ein Selbstwertgefühl zu vermitteln.»

Wie werden die Frauen von ihren Familien empfangen?

«Es gibt eine Menge Emotionen, wenn die Mädchen zurückkehren. Man will sein kleines Mädchen zurück, aber es ist eine ganz andere Person als die, die einem weggenommen wurde. Sie kommen mit eigenen Kindern und einer Menge unverarbeiteter Traumata nach Hause. Einige werden von ihrer Familie oder Gemeinschaft verstossen, weil sie mit einem Boko-Haram-Kämpfer verheiratet waren.»

Die meisten Mädchen kehren mit Kindern zurück, die sie in den Lagern bekommen haben, oder sind noch schwanger. Wie sind die Bindung oder die Beziehung zwischen Mutter und Kind?

«Ich kann nur über die Beziehung zwischen Mutter und Kind nach ihrer Flucht sprechen und darüber, was wir während und nach den Seminaren erleben. Esther war eine der Mütter, die eine wirklich schwierige Zeit hatte, sie wirkte distanziert und war ihrem Mädchen gegenüber aggressiv. Ich weiss, das scheint hart und grausam, aber wir müssen verstehen, dass diese Kinder die Frauen an die Schläge, Vergewaltigungen und den Schmerz erinnern, die sie erlitten haben.»

Vergebung ist ein schwieriges Konzept, selbst für Menschen, die nicht so etwas Traumatisches erlebt haben. Welche Rolle spielt sie im Leben dieser Frauen und in ihrem Heilungsprozess?

«Vergebung ist entscheidend bei der Heilung von Traumata. Diese Frauen müssen nicht nur denen vergeben, die ihnen Unrecht getan haben. Sie müssen auch sich selbst vergeben. Sie tragen die Scham und Schuld von etwas mit sich, das nicht ihre Wahl war.

Charity kam extrem aggressiv ins Traumaseminar. Sie hatte das Gefühl, dass jeder sie hasste, und projizierte dies auf die Menschen um sie herum. Während einer unserer Sitzungen sprachen wir darüber, wie Vergebung bei der eigenen Heilung helfen kann. Charity erkannte, dass sie ihrem Mann, der sie bei ihrer Rückkehr schlecht behandelt hatte, vergeben musste. Ihre ganze Einstellung änderte sich danach. Als sie nach Hause ging, begann Charity das, was sie in Jos gelernt hatte, mit ihrem Mann zu teilen und ihre Beziehung verbesserte sich von Tag zu Tag.»

Letztes Jahr erhielt Patience einen Anruf von Charity. Sie erzählte ihr, dass sie und ihr Mann sich versöhnt hatten und sie nun Zwillinge erwartete. Für Patience und ihr Team ist es eine grosse Ermutigung zu sehen, welch positive Auswirkungen ihr Dienst auf das Leben der betroffenen Frauen hat. Vielen Dank, dass Sie diese Arbeit durch Ihre Unterstützung ­ermöglichen!

* Name geändert

Auszug März 2021 – Magazin