31.10.2019 / news

Letztes Update unserer laufenden Projekte (April 2020)

Südasien: «Die Kirche ist durch das Leid noch schöner geworden»

Als Aziz*, ein Partner von Open Doors, das überfüllte Krankenhauszimmer betrat, versuchte der nächstgelegene Patient, ihn am Eintreten zu hindern. «Du kannst gehen», sagte er, als er merkte, dass Aziz kein Einheimischer war. Aziz näherte sich ihm und sagte: «Aber ich bin hier, um mit dir zu beten. Wie geht es dir, Bruder?» Die Augen des Mannes füllten sich mit Tränen. «Wirklich? Du bist der Erste, der mich fragt, wie es mir geht.»

Aziz, einer unserer Partner in Südasien, ist Ende dreissig. Seine Ausbildung als medizinischer Fachmann wurde durch Ihre Gebete und Ihre finanzielle Unterstützung möglich. Jetzt gehört er zu einem Notfallteam. Wenn es eine Krise gibt und Christen in Gefahr sind oder angegriffen wurden, geht er hin, um ihnen zu helfen und herauszufinden, was sie brauchen.

Keine Fotos
Seine Arbeit ist sehr riskant. Deshalb gibt es hier auch kein Foto von ihm. Seine oberste Regel lautet: «Lass Kamera und Telefon im Auto, wenn du Menschen triffst, denen du helfen möchtest.»
Diese Regel bringt ihm das Vertrauen schwer traumatisierter Menschen, die oft ausgebeutet werden von der Regierung, die sie schützen sollte, den Krankenhäusern, die sie heilen sollten und sogar von Christen, die sie lieben sollten.

«Du kannst gehen», sagte der Mann, als er den dunkelhäutigen Aziz erblickte. Aziz war nicht der erste Besucher. Ganze Gruppen von Menschen waren gekommen. Männer in Anzügen fotografierten sich selbst mit den Opfern des Bomben­anschlags, die alle verwundet und schockiert waren und erst Stunden zuvor geliebte Menschen verloren hatten.

«Ich habe ihre Hand gehalten»
«Du hast also keine Fotos gemacht?», fragte ein Mitarbeiter von Open Doors Aziz. «Nein», sagt er. «Was hast du also getan?»

Sein Blick fixiert das Fenster des Zimmers, in dem wir uns befinden, als ob er dahinter noch immer die verzweifelten Christen sehen könnte, die er an diesem Tag besuchte. Er schluckt den Kloss in seinem Hals runter.

«Ich habe ihre Hand gehalten.»

Schweigen.

«War das genug?», fragen wir.

Er nickt. Er denkt zurück an ein junges, schwer verwundetes Mädchen. Sie war für die Hochzeit ihres Cousins in der Gegend und ging mit ihrer Familie in die Kirche. Sie war Analphabetin, zitierte aber unter starken Schmerzen die Heilige Schrift. Ihre Mutter hatte ihr die Verse beigebracht, und nun gaben sie ihr innere Kraft. Sie hielt die Hand von Aziz, aber sie hatte keine Kraft mehr. Als Mediziner wusste Aziz, dass sie es nicht schaffen würde. Drei Tage später starb sie, Gottes Worte auf ihren Lippen, seine Liebe in ihrem Herzen.

Hilfe für die Opfer
Aziz ist bescheiden, wenn er sagt, dass er nur mit Menschen betete und ihre Hand hielt. Er sah, wie ein Mitarbeiter des Krankenhauses mit ungewaschenen, schmutzigen Händen den Verband eines Babys wechselte und damit eine schwere Infektion riskierte. Das Baby hatte bereits einen Fuss verloren. Er sorgte dafür, dass die Wunde sauber behandelt wurde. Er sorgte auch dafür, dass einige in bessere Krankenhäuser in anderen Teilen des Landes transportiert wurden. Zudem versorgten er und sein Team die Betroffenen und ihre Familien mit Lebensmitteln.

Gebet vor allem anderen
Aber bevor er etwas fragte oder anbot, betete Aziz mit den Christen. Das Gebet, das Händehalten, seine freundlichen Worte; der Mann, der sich zunächst weigerte, mit ihm zu sprechen, brach zusammen. «Ich will zurück in die Kirche gehen», platzte er heraus. «Ich will Gott in unserer Kirche anbeten und ihm dafür danken, dass er mein Leben gerettet hat!»

Am Tag des Angriffs hatten sich bewaffnete Männer dem Gebäude aus verschiedenen Richtungen genähert. Aber nur einer von ihnen kam nahe genug, um seine Bombe zu zünden. Und die Angreifer sahen die nahe gelegene Sonntagsschulklasse nicht.

Eine kleine Zahl von Christen starb bei dem Angriff und Dutzende wurden verletzt. Aber es hätte so viel schlimmer sein können. «Der Herr hat uns beschützt», sagten die Christen zu Aziz.

Den Preis bezahlen
Eine Person, die starb, war ein Mitstudent von Aziz. Sie hatten die gleiche Jüngerschaftsschulung absolviert. «Er hatte mir gesagt, dass er zurückkommen und noch mehr studieren wolle. Er wollte dem Herrn noch mehr dienen.»

Und genau das tat er hier. An jenem verhängnisvollen Tag rettete er das Leben unzähliger Christen, indem er die Eingangstür zuhielt, damit der Angreifer nicht ins Innere gelangen und die Gemeinde durch eine Hintertür entkommen konnte. Er wurde mit einer Kugel in seinem Herzen gefunden.

Wein vermischt mit Blut
Kaum einen Tag nach dem Angriff besuchten der lokale Pastor, Aziz und sein Team die Kirche. Es war noch nichts von der Zerstörung aufgeräumt. Der Altar war beschädigt. Der Opferkelch und das Brot lagen noch auf dem Boden, stille Zeugen der Tragödie, die sich zugetragen hatte. Der Betonboden und die Teppiche waren in einem dunklen Rot gefärbt. Das Einzige, was Aziz denken konnte, war: «Der Wein des Kelchs und das Blut der Märtyrer und Verwundeten haben sich vermischt.»

Am Sonntag nach dem Angriff besuchte er die Kirche erneut. Leute betraten die Kirche, viele in Verbänden und mit Krücken, einige nur mit der Hilfe anderer. Doch diese Leute konnten einfach nicht zu Hause bleiben, erklärt Aziz.

«Ihr Glaube ist grösser»
«Christen gehen hier Risiken ein, weil das Zeugnis der Kirche ist, dass Gott gut ist», sagt Aziz weiter.

Selbst inmitten einer Tragödie?

«Besonders dann. Die Christen wollen zeigen, dass Gott gut ist und dass Jesus würdig ist, ihm nachzufolgen, selbst wenn man angegriffen wird. Vor dem Angriff war diese Kirche bereits ein schöner Ort. Aber als ich die Verwundeten in die Kirche kommen sah, Menschen, die nur Tage zuvor um ihr Leben kämpften, wurde mir klar, dass Gott diese Kirche noch schöner gemacht hatte. Ja, die Trauer und der Schmerz sind real und allgegenwärtig, aber der Glaube dieser Christen ist grösser. Sie sagen: ‹Unsere Lieben sind Märtyrer und der Herr ist unsere Zuflucht›. Die Kirche ist durch das Leid, das sie erlebt hat, noch schöner geworden.»

Auf die Frage, ob er seinen Dienst schwierig findet, antwortet Aziz: «Egal wie gross die Zerstörung ist, Gott kann niemals zerstört werden. Er lässt immer Raum für einen Lichtstrahl und einen Funken Hoffnung. Wie können wir also verzweifeln, wenn das Licht und die Hoffnung Christi immer bestehen?» /

* Name geändert

Infos: April 2020