Der Weltverfolgungsindex ist das wichtigste Instrument von Open Doors (OD), um damit für die ganze Welt verbindlich die globale Entwicklung, das Ausmaß und die Stärke der Christenverfolgung messen zu können.
Die Klassifikation des Weltverfolgungsindex (WVI) ist das Ergebnis einer höchst sorgfältigen und gewissenhaften Arbeit. Seit 1992 sammeln wir Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen, sowohl religiösen als auch säkularen.
Das methodische Vorgehen wurde 2012 vollständig überarbeitet und in den Jahren 2013 und 2016 einigen Anpassungen unterzogen.
Wir überprüfen und gleichen unsere Informationen aus den einzelnen Ländern mit denjenigen Informationen ab, die von anderen Organisationen wie Presse, Forschungsinstitute, NGOs usw. verbreitet werden.
Wir werten dabei Fragebögen aus, die wir an Menschen innerhalb und außerhalb unserer Organisation schicken.
Anhand der gesammelten und analysierten Informationen beurteilen und klassifizieren wir die Länder auf einer Liste, dem Weltverfolgungsindex.

DIE ZWEI FORMEN DER GEWALT
Das Aufzeigen der Gewalt und die Unterdrückung im Alltag

Der Index unterscheidet zwischen zwei Hauptformen der Verfolgung: einerseits der offenen physischen oder tätlichen Gewalt und andererseits der viel subtileren Form der Unterdrückung und Behinderung im alltäglichen Lebens und Arbeitsalltag.
Die erste Form der Verfolgung ist leichter messbar als die zweite. Denn rohe Gewalt erregt Aufmerksamkeit (die Anzahl der getöteten Menschen, die Anzahl verbrannter oder zerstörter Kirchen, die Anzahl entführter junger Mädchen usw. ist messbar).
Die zweite Form der Verfolgung, der subtile Druck, ist die Art Gewalt , die das grösste Leid verursacht und die christlichen Gemeinschaften – manchmal mehr, manchmal weniger – auf lange Sicht lähmt (z. B. Verletzung elementarer Rechte wie Zugang zu Wasser, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, Ablehnung in der Familie usw.).
Um diese zweite Form der Verfolgung, oft unsichtbar und unbemerkt, zu messen, sind spezifischere Instrumente erforderlich. Wir nennen diese Werkzeuge, in denen diese Diskriminierung erfolgt, die «Sphären der Verfolgung».

DIE SPHÄREN DER VERFOLGUNG/

Der Index definiert fünf Sphären, in denen der tägliche Druck als Gewalt, die Christen erleben, gemessen werden kann:

  1. 1. Das Privatleben oder der Bereich des «forum internum»: Dringt der Verfolger in die persönliche Intimsphäre des Verfolgten ein und missachtet damit die Gedanken- und Gewissensfreiheit?
  2. 2. Das Familienleben, wo der Verfolger versucht, die Weitergabe des Glaubens zu unterbinden.
  3. 3. Das soziale Leben, das in Ländern, in denen Nachbarschaften und Dörfer eine homogene Bevölkerung bilden, von großer Bedeutung ist.
  4. 4. Das zivile Leben, in dem ein Christ am öffentlichen Leben teilhaben kann oder nicht.
  5. 5. Das Gemeinde- oder kirchliche Leben, und damit der Be- oder Einschränkungen für Christen, um als Gemeinschaft leben und wirken zu können.

FORMEN DER GEWALTAKTE
Die Art der physischen und materiellen Gewalt, die Christen innerhalb des Zeitraums von einem Jahr, d. h. vom 1. Oktober bis zum 30. September vor der Veröffentlichung des Indexes erlitten haben, vervollständigen die Beurteilung. Die Gewaltakte können einem oder mehreren der fünf Sphären zugewiesen werden.

DIE DYNAMIK DER VERFOLGUNGSPROZESSE
Die Triebkräfte:

«Verfolgung» ist ein Prozess, der von drei Arten von Motoren angetrieben wird. Diese sind: exklusiver Tribalismus, extremer Säkularismus und missbrauchende Macht (Autorität, Herrschaft). Diese Triebkräfte speisen neun verschiedene Mechanismen, die für die Christenverfolgung verantwortlich gemacht werden können. Diese verschiedenen Mechanismen werden ihrerseits durch zwölf Arten von Verursachern gespiesen.
Der exklusive Tribalismus (Man bleibt unter sich) bezeichnet eine Sichtweise, die dazu neigt, eine homogene Gesellschaft zu bilden und sich durch klare Abgrenzungen der eigenen Identität gegenüber anderen Stämmen definiert. Die sogenannten «Anderen» werden aus der Gruppe ausgeschlossen und als minderwertige, unmenschliche oder untreue Menschen betrachtet, gegen die die unmoralischsten Handlungen erlaubt sind.
Der extreme Säkularismus unterdrückt alles und jedes, das nicht an der säkularen (weltlichen) Ideologie von Skeptizismus und Antiklerikalismus festhält. Die Hauptmechanismen des extremen Säkularismus sind kommunistische Unterdrückung und intoleranter Säkularismus. Letztendlich kontrolliert der Staat diesen Prozess und ist der Auslöser der Verfolgung.
Als missbrauchende Macht definieren wir ein System, das versucht, alle Ressourcen nur zum Nutzen einer kleinen Gruppe oder einer Einzelperson zu konzentrieren und sowohl legale wie illegale Mittel einsetzt, um dieses Ziel zu erreichen. Missbrauchende Macht ist hauptsächlich das Ergebnis totalitärer oder korrupter Systeme und erfordert die Zusammenarbeit von politischen Führern und Clanoberhäuptern. Solche Situationen führen oft zur Verfolgung von Christen, auch wenn diese nicht unbedingt das ursprüngliche Ziel dieser Zusammenarbeit gewesen ist.

Die Mechanismen:
Der Index kategorisiert neun verschiedene Mechanismen, die bei der Verfolgung von Christen fassbar werden. Sehr oft tritt mehr als ein Mechanismus in Erscheinung. Oder ein bestimmter Mechanismus herrscht vor und ermöglicht es, dass sich andere Mechanismen entwickeln.

   A) Exklusiver Tribalismus

1. Islamischer Extremismus - Eingliederung (freiwillig oder unfreiwillig) des Landes in das "Haus des Islam".
2. Religiöser Nationalismus - Die gesamte Nation einer einzigen Religion, ob nun Hinduismus, Buddhismus, orthodoxes Judentum usw. zu unterwerfen.
3. Unterdrückung durch den Clan/Stamm - Ein Clan/Stamm oder eine Familie erzwingt angestammte Werte oder traditionelle Überzeugungen.
4. Ethnische Rivalitäten - Die Vorrangstellung von Traditionen und althergebrachten Bräuchen oder Religionen wird aufrechtzuerhalten. 
5. Kirchliche Oberherrschaft - Eine historische und mehrheitlich christliche Konfession zur einzigen Ausdrucksweise des christlichen Glaubens im Land zu machen.

   B) Extremer Säkularismus

6. Kommunistische Unterdrückung - Der Kommunismus wird zur einzigen nationalen Ideologie erklärt.
7. Intoleranter Säkularismus - Die Eliminierung aller religiösen Bezüge aus dem öffentlichen Leben und dem individuellen Denken.

   C) Missbrauchende Macht

8. Totalitarismus oder diktatorische Paranoia - Absoluter Machterhalt erzwingen, ohne zwangsläufig andere Ziele anzustreben.
9. Korruption und Organisiertes Verbrechen - Schaffung eines anarchischen Klimas der Straf- wie Gesetzlosigkeit und der Korruption, um die persönliche Bereicherung zu fördern.

Die Akteure bzw. Verursacher von Verfolgung:
Die eigentlichen Urheber von Verfolgung sind Gruppen oder Einzelpersonen, die von den oben genannten Kräften getrieben sind. Der WVI erfasst zwölf Kategorien von Verursachern, die sich teilweise überschneiden bzw. als verschiedene Akteure zusammenschließen können, um den Prozess der Verfolgung in Gang zu setzen:

  • Lokale, regionale und nationale Beamte
  • Gruppen- oder Clan-/Stammesführer
  • Geistliche nichtchristlicher Religionen
  • Geistliche christlicher Glaubensgemeinschaften
  • Gewalttätige religiöse Gruppen
  • Ideologische Interessengruppen
  • Einzelpersonen oder ganze Menschenmengen (Mob) aus der Zivilgesellschaft
  • Familie (weit gefasst)
  • Politische Parteien, auf lokaler und nationaler Ebene
  • Revolutionäre oder paramilitärische Gruppen
  • Kartelle, Clans und Netzwerke der Organisierten Kriminalität
  • Multilaterale Organisationen (z. B. UNO) und Botschaften

DIE EINTEILUNG DER WVI-KRITERIEN UND DIE RANGFOLGE DER LÄNDER
Eine erste Schnellanalyse der betroffenen Länder erfolgt mit dem Verfahren namens «Rapid Appraisal Tool», das Querverweise von Internet-Recherchen mit verschiedenen Quellen abgleicht. Je nach Ergebnis werden weitere Untersuchungen durchgeführt, um festzustellen, ob weitere Abklärungen erforderlich sind. Falls ja, wird die Bewertung des betreffenden Landes mittels von uns eigens entwickelten WVI-Fragebögen an OD-interne und externe Experten weiter vervollständigt.
Anhand der zusammengetragenen Daten wird eine Punktzahl ermittelt, die es ermöglicht, die betroffenen Länder nach Schweregrad der Verfolgung zu erfassen und aus den 50 Ländern, in denen die Christen am stärksten verfolgt werden, die Reihenfolge des Weltverfolgungsindex zu ermitteln.

Extreme Verfolgung – zwischen 81 und 100 Punkten: In diesen Ländern ist es absolut unmöglich, seinen christlichen Glauben zu praktizieren. Kirchen sind entweder verboten oder so kontrolliert, dass die Mitglieder in ihrer Meinungsfreiheit völlig eingeschränkt sind. In diesen Ländern bedeutet das Christsein praktisch die Gleichbedeutung mit Verfolgung.

Sehr starke Verfolgung – zwischen 61 und 80 Punkten: In diesen Ländern ist es so gefährlich, seinen Glauben zu praktizieren, dass die meisten Christen Angst davor haben, sich offen dazu zu bekennen. In einigen Fällen sind nur bestimmte Teile des Landes von Verfolgung betroffen. In diesen Regionen werden gewalttätige und langanhaltende Kampagnen gegen Christen geführt.

Starke Verfolgung – zwischen 41 und 60 Punkten: In diesen Ländern gibt es eine Kirche, die toleriert wird und gewisse Freiheiten genießt. In der Praxis werden jedoch etwas zu auffällige Christen gezielt unter Beschuss genommen und das Funktionieren der Kirchen stark eingeschränkt. Die Kultur des Landes ist weitgehend christenfeindlich. Christen werden besonders beim Zugang zu Bildung und Arbeit diskriminiert. In einigen Ländern ist die Verfolgung zwar schwerwiegend, beschränkt sich aber auf bestimmte geographische Gebiete.

EIN DOKUMENT DER MENSCHLICHKEIT
Der WVI ist nicht nur eine Ansammlung von Zahlen, sondern ein Dokument der «Menschlichkeit», welches das Leben von Millionen von Christen widerspiegelt. Hinter jeder Zahl steht die Schicksale von Menschen. Der Weltverfolgungsindex hilft uns vor allem bei der Entscheidung, auf welche Länder wir unsere Unterstützung für verfolgte Christen konzentrieren können.
Die Veröffentlichung des WVI dient weiter dazu, zusätzliche Einzelpersonen, Vereine und Institutionen zu ermutigen, sich eingehender mit den Erfahrungen verfolgter Christen und deren Bedürfnissen auseinanderzusetzen, um damit bessere Strategien zu entwickeln, wie wir ihnen helfen können.

Methodik des Weltverfolgungsindex

CH-DE