28.05.2015 /
Brunei
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Brunei: Ein Jahr nach der Einführung der Scharia

Seit Mai 2014 basiert im Sultanat Brunei das Strafrecht neu auf der Scharia. In diesen Wochen beginnt die zweite Phase der Einführung - ein geeigneter Moment für eine Zwischenbilanz in Bezug auf die Religionsfreiheit im Land.

Einführung der Scharia in drei Phasen
Brunei ist kleines Königreich im Südosten Asiens, mit 420.000 Einwohnern, das zwischen Malaysia und Indonesien liegt. Die gesamte kulturelle Tradition, sei es auf dem Gebiet des Kulinarischen, des Handwerklichen oder der Nationaltracht, scheint aus den beiden anderen Staaten der Insel Borneo, Malaysia und Indonesien, übernommen zu sein. Vor unseren Augen vollzieht sich momentan eine kulturelle Veränderung. Eine konservativ-islamische Prägung wird zunehmend sichtbar [1], vor allem seit der Verabschiedung des Scharia-Strafrechts im vergangenen Jahr:

Phase 1: Seit Mai 2014 muss jeder Muslim, der sich unanständig kleidet oder dem Freitagsgebet in der Moschee fernbleibt, mit einer Busse oder einer Gefängnisstrafe rechnen.

Phase 2: Gotteslästerung, Diebstahl und Ehebruch können mit Auspeitschung oder Amputation von Gliedmassen bestraft werden.

Phase 3: Die Verbrechen der Homosexualität und des Glaubensabfalls vom Islam werden mit der Todesstrafe mittels Steinigung geahndet.

Was bedeutet die Einführung der Scharia für die Christen?
Die Einführung der ersten Phase der Scharia hat für die Kirche bereits Veränderungen mit sich gebracht. Einzelne Klauseln tangieren direkt die Christen, die 9% der Bevölkerung ausmachen. So können fortan Nichtmuslime, die ihren Glauben öffentlich bekennen, zu Bussen und Gefängnisstrafen verurteilt werden. Ausserdem wurde es im vergangenen Dezember allen Christen verboten, Weihnachten zu feiern oder auch nur sichtbare Weihnachtsdekorationen anzubringen.

Verbot für Muslime, Christen zu werden (oder zu einer anderen Religion zu konvertieren): jedem, der konvertiert, droht die Todesstrafe.

Jedem, der mit einem Muslim oder einem Atheisten über den eigenen Glauben spricht, drohen bis zu fünf Jahren Haft und CHF 14‘400 (20‘000 Brunei Dollar) Bussgeld.

Jedem, der als Muslim vor der Einführung der Scharia bereits Christ wurde, drohen ebenfalls bis zu 5 Jahren Haft und CHF 14‘400 Bussgeld.

Wer als Nichtmuslim eines von neunzehn dem Islam vorbehaltenen Wörtern benutzt, darunter der Begriff „Allah", riskiert bis zu drei Jahren Haft und eine Busse von CHF 8‘700 (12‘000 Brunei Dollar).

Im Übrigen beziehen sich die in der zweiten und dritten Phase vorgesehenen Strafen sowohl auf Muslime als auf Christen. Die beiden nächsten Phasen werden die Lage der Christen in Brunei noch zusätzlich verschlechtern.

Kirche unter Aufsicht
Das Sultanat ist eine absolute Monarchie, die die Religionsfreiheit unterdrückt und im Weltverfolgungsindex 2015 (der 50 Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden) den 27. Rang belegt. Der ständige Druck, wie der von den Behörden, der Gesellschaft, der Familie, den Freunden und den Nachbarn auf die christliche Minderheit ausgeübt wird, bringt nicht dieselbe offensichtliche Gewalt mit sich, wie in anderen Ländern Südostasiens; die Christen müssen aber sehr vorsichtig sein. Muslime, die Christen werden, haben z.B. nicht das Recht, auf ihrer ID diese Änderung unter „Religionszugehörigkeit" eintragen zu lassen.
Zwar sind andere Religionen als die islamische zugelassen, sofern sie keine Bedrohung für den Islam darstellen. Das Christentum aber wird als Bedrohung für die Regierung und die Behörden wahrgenommen, deshalb sind die Christen die am stärksten überwachte religiöse Gruppierung im Land.

Als Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit (von 1888 bis 1994 war Brunei ein britisches Protektorat) sind nur der Katholizismus und der Anglikanismus vom Sultanat anerkannt - die zusammen über eine Gesamtzahl von 4 Kirchengebäuden verfügen. Alle übrigen, neueren Kirchen werden als illegal angesehen. Deshalb müssen sich die Christen im Obergeschoss einzelner Geschäfte oder bei jemandem zu Hause treffen.

Einzelne Gruppen haben es geschafft, sich als „Club" juristisch anerkennen zu lassen. Dies bringt es aber mit sich, dass den Behörden regelmässig eine Auflistung der Namen der Mitglieder sowie Berichte über die finanziellen Situation liefern müssen. Die Mitglieder der Untergrundkirchen leben in fortwährender Furcht: Zu jedem Zeitpunkt kann die Polizei eine Versammlung unterbrechen und deren Auflösung verlangen.

Auch die offiziell anerkannten Kirchen werden überwacht. Telefone und E-Mailverkehr werden abgehört und abgefangen. Telefonisch müssen sich die Christen kodiert ausdrücken. Regierungsinformanten sind regelmässig bei den Versammlungen anwesend.

Warum die Scharia in Brunei?
Der 29. Sultan von Brunei, Hassanal Bolkiah, ist mit seinen 68 Jahren einer der reichsten Menschen dieser Erde [2], und bei seinen Untertanen sehr beliebt. Auch das ganze Land, über das er regiert, gilt als eines der reichsten Länder der Welt. Als Staatsoberhaupt, Premier-, Verteidigungs- und Finanzminister sowie religiöses Oberhaupt in einer Person scheint seine Macht über die Bevölkerung von Brunei schier unbegrenzt. Als er seine Absicht bekanntgab, in Brunei die Scharia einzuführen, löste das daher Erstaunen aus – das Königreich ist bereits seit Jahrhunderten islamisch. Zur Erklärung dieser Radikalisierung gibt es drei Hypothesen:

Es gibt Analysten, die das Abnehmen der Ölreserven als mögliche Quelle eines gewissen Unsicherheitsempfindens vermuten, das den Sultan dazu gebracht haben könnte, die Kontrolle über seine Untertanen zu verstärken.

Andere aber denken, dass es sich hier um ein rein religiöses Motiv handelt. Das Erbe, das er so zurücklässt, könnte ihm gemäss der Lehre des Islam einen Platz im Paradies verschaffen.

Wiederum andere sind überzeugt, dass es gar nicht der Sultan selber ist, der der Urheber dieser Idee ist sondern die seiner persönlichen Berater.

Als Oberhaupt eines Landes, das mit von den Schwankungen des Ölpreises abhängig ist, hat Sultan Bolkiah soziale Programme für die Bevölkerung ins Leben gerufen. So ist z.B. die medizinische Versorgung für Kinder kostenlos und sind deren Kosten für erwachsene Bürger auf ein Minimum beschränkt. Dies dient als Gegenleistung für die Abschaffung der Presse- und Religionsfreiheit.

[Fussnote 1:] Für alle Muslime des Landes wurde die Scharia in Bezug auf Zivil- und Familienrecht bereits 2011 in Kraft gesetzt. 1991 hatte der Sultan damit begonnen, eine konservative Ideologie umzusetzen, gemäss der die Monarchie die Hüterin des Islam ist. Die Regierung verfolgt eine Strategie, die darauf abzielt, unter der Stammesbevölkerung die „Dahkwa" (=Islamisierung) - Bewegung zu fördern.
[Fussnote 2:] 2008 schätzte die Zeitschrift Forbes sein Vermögen auf mehr als 20 Milliarden amerikanische Dollar. Er wohnt in einem Palast mit mehr als 1‘800 Räumen und besitzt wenigsten 150 Rolls Royces. Von einer seiner Frauen ist bekannt, dass sie beim Shoppen an einem einzigen Tag eine halbe Million Dollar liegen liess. Sultan Bolkiah bestieg 1967 den Thron, nach dem freiwilligen Rücktritt seines Vaters, und wurde im darauffolgenden Jahr gekrönt.