05.02.2013 /
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Die arabische Welt in Aufruhr- 6 Monate nach der Arabischen Revolution / Update Juli 2011

Tunesien
Sechs Monate nachdem das Regime von Ben Ali einstürzte, ist die gesamte arabische Welt immer noch in Aufruhr. Die Wahlen in Tunisien sind von Juli auf Oktober verschoben worden. Tunisien ist die Heimat einer sehr kleinen Gruppe von einheimischen Christen, deren Anzahl auf weniger als 2,000 geschätzt wird. Seit im Februar ein polnischer katholischer Priester von islamischen Fundamentalisten ermordet wurde, lebt die christliche Gemeinschaft in Angst. Dieselben extremistischen Kreise haben den Druck auf die evangelische Gemeinschaft ebenfalls verstärkt, ganz besonders auf die Gläubigen muslimischer Herkunft, die Kontakte zur Kirche ausserhalb Tunesiens haben. Die meisten Christen aus einem muslimischen Hintergrund fühlen sich sehr bedroht und fragen sich, was wohl die Zukunft mit sich bringen wird.

Libyen
Libyen wird durch einen blutigen Bürgerkrieg zerrissen. Die meisten ausländischen Christen haben das Land verlassen. Open Doors hat von Gemeindeleitern in Tripolis letzten Monat eine Einschätzung der aktuellen Lage erhalten: 600 von den insgesamt 800 Kirchenmitgliedern haben das Land verlassen. Die Gottesdienste wurden zeitweise eingestellt, aber werden unterdessen wieder abgehalten. Das Leben ist sehr schwierig geworden. Der eine Pastor berichtet: “Während unsere Kinder Abschlussprüfungen schreiben, fallen gleichzeitig Bomben.” Eine der Hauptschwierigkeiten ist, die Preisexplosion bei den Artikeln des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, Wasser. Unterdessen sind die Preise um 200% to 400% gestiegen. Diese Kirchgemeinde mietet die Räumlichkeiten, in denen sie sich versammeln. Die Kirchgemeinde droht ihre Räumlichkeiten zu verlieren, da sie nicht in der Lage ist, die doppelte Miete zu zahlen, jetzt wo 75% der Gläubigen geflohen sind. Bisher hat Open Doors keine Nachrichten von Todesfällen oder Bürgerkriegsopfern unter den Gläubigen erhalten. Allerdings ist der Kontakt zu Kirchen in Tripolis infolge des Zusammenbruchs des Telefonnetzes in diesem Teil Libyens vor einiger Zeit abgebrochen.

Ägypten
Open Doors hat aus Ägypten, das die Heimat von zwei Dritteln der Gläubigen im Mittleren Osten ist, uneinheitliche Rückmeldungen erhalten. Der dienstälteste Kirchenleiter einer der grössten protestantischen Kirchen im Land stellt fest: „In der Bevölkerung hat sich viel Frustration und Wut angestaut. Eine der Hauptgründe dafür ist, dass die Sicherheitskräfte, die unschuldige Demonstranten getötet haben, bisher nicht vor Gericht gestellt worden sind. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor sehr schlecht. Die Tourismusbranche hat sich noch nicht erholt und viele einfache Bürger, Muslime wie Christen, leiden unter Einkommenseinbussen oder sogar Arbeitslosigkeit.“
Nach dem Abgang von Präsident Hosni Mubarak, wurden die Gefängnisse geöffnet und Salafisten, Vertreter einer radikalen Form des Islams, kamen frei. Diese Gruppierung ist sehr aktiv daran beteiligt, die Bevölkerung gegen die christliche Minderheit aufzubringen. Allerdings stellt der Pastor klar: “Der Einfluss der Salafisten nimmt ab. Viele Menschen wenden sich von ihnen ab, weil sie nicht schätzen, was sie am Fernsehen oder in der Presse zu lesen bekommen. Ihre äusserst intoleranten Aussagen erhalten kaum Unterstützung.”
Zurzeit wird über die Rückgabe der 48 (grösstenteils) koptisch-orthodoxen Kirchengebäude an die christliche Minderheit heftig diskutiert. Die neue Regierung versucht, den Christen mit der Rückgabe der Kirchen, die unter Hosni Mubarak unrechtmässig beschlagnahmt wurden, Recht zu verschaffen. Das hat die Salafisten erzürnt, die ihrerseits versuchen, die Massen zu mobilisieren und sie dazu anzustacheln, diese Kirchen zu zerstören.
Weiter fügt der Pastor an, dass die Regierung bemüht ist, die Menschenrechte, einschliesslich derjenigen der ägyptischen Christen zu achten. Dies kommt für die Kirche einer frischen Brise gleich.

Syrien
Im Gegensatz zur Entwicklung in Ägypten, wo öffentlich über eine neue Verfassung debattiert wird und für den Herbst 2011 freie Wahlen geplant sind, scheint sich die Situation in Syrien weiter zu verschlechtern. Syrien ist mit über 1,5 Millionen Gläubigen die Heimat der zweitgrössten christlichen Minderheit im Mittleren Osten.
Ein Priester der assyrischen Kirche des Ostens kommentiert dies folgendermassen: „Es ist die Tragik der christlichen Kirche im Mittleren Osten, dass sie in Ländern wie Syrien entweder zu Geiseln von Diktaturen werden oder in Ländern wie Tunesien, Libyen oder Ägypten aufstrebenden Demokratien zum Opfer fallen. In letzteren Ländern versuchen die Islamisten die Revolutionen für ihre Ziele zu missbrauchen und eine neue Intoleranz gegenüber Minderheiten in ihren Ländern herbeizuführen.”
Syrische Kirchenverantwortliche sind angesichts der neusten Entwicklungen sehr besorgt. Ein Priester beschreibt dies folgendermassen: „Syrien wird zum Kampfplatz für Saudi Arabien und den Iran. Der Iran unterstützt das aktuelle Regime, das der Kirche eingeschränkte Freiheiten gewährt, und Saudi Arabien bietet den radikalen sunnitischen Bewegungen Unterstützung, die alle Freiheiten, die wir noch haben, zu vernichten drohen.“ Er fügt an, dass die Kirchen im benachbarten Libanon nach Unterbringungsmöglichkeiten für eine grosse Zahl von christlichen Flüchtlingen Ausschau halten, falls ein Bürgerkrieg ausbrechen sollte, was im Herbst 2011 der Fall sein könnte. „Es besteht die Gefahr, dass wir zwei zeitgleiche Fluchtbewegungen erleben werden: Syrische Christen, die in den Libanon fliehen, während sich libanesische Christen in Amerika, Australien und Europa in Sicherheit bringen werden. Bitte schliessen Sie sich unseren Gebeten für Frieden, Toleranz und Stabilität an.“

Juli 2011