05.02.2013 /
Tunesien
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Die arabische Welt in Aufruhr - 8 Monate nach der Arabischen Revolution / Update August 2011

Tunesien
Ein Team von unserer Forschungsabteilung ist kürzlich aus Tunesien zurückgekehrt. Dem Team sind vor allem die wenigen Touristen in den zwei grössten Städten  Tunis und Sousse aufgefallen. Die Unruhen haben ganz offensichtlich der Tourismusbranche geschadet, eine Haupterwerbsquelle der tunesischen Bevölkerung. Als Folge davon haben viele Tunesier ihre Stelle verloren und fragen sich, was ihnen die Revolution ganz persönlich wirklich bringt.

Aus politischer Sicht bereitet sich das Land auf die Wahlen im Herbst 2011 vor.  91 verschiedene Parteien haben sich gebildet, aber tunesischen Kirchenleitern und Mitarbeitern verschiedenster  NGOs zufolge haben die Islamisten die Oberhand. Ein Verantwortlicher einer NGO, der nicht namentlich erwähnt werden möchte, meint: “Die Islamistische Partei ist die grösste und die am besten organisierte von allen Parteien.  Für viele Tunesier ist es schwierig zu wissen, wie sie wählen sollen und  zu beurteilen, welche dieser Parteien wirklich ihre Meinung vertritt. Für viele Menschen könnte die Wahl der Islamisten der Weg des geringsten Widerstands sein”. 

Tunesien erlebt zurzeit ein Wiedererstarken des Islams. Demselben NGO-Leiter zufolge “werden sich die Menschen ihrer Identität bewusst und die Moscheen sind voll, was vor der Revolution nicht der Fall war.” Den wachsenden Einfluss des radikalen Islams bekommen auch die tunesischen Christen muslimischer Herkunft zu spüren. Ein Kirchenleiter aus Tunis berichtet: “Viele junge Gläubige werden von ihrer Familie unterdessen sehr viel stärker unter Druck gesetzt. Früher wagten es die Familienmitglieder nicht, etwas zu unternehmen; aber jetzt scheuen sie sich nicht, ihre Familienangehörigen zu bedrohen, wenn sie sich vom Islam abwenden.”  Weiter stellt dieser Verantwortliche einer Nichtregierungsorganisation fest, dass der von der Regierung ausgeübte Druck abnimmt, während der vom sozialen Umfeld zunimmt. Eine Christin muslimischer Herkunft bestätigt diese Einschätzung: “Der Einfluss der Islamisten verstärkt sich. Sogar Taxifahrer sprechen während den Fahrten über die islamische Partei, was früher nie der Fall war.”

Während des Sommers kam es zu einem Anschlag auf eine Kirche in Sousse, weil Islamisten versuchten, sie niederzubrennen. Glücklicherweise konnte sich das Feuer nicht zu stark ausbreiten, so dass die Schäden relativ gering waren. Die Gläubigen waren erleichtert festzustellen, dass die Polizei bemüht war, die Ordnung wiederherzustellen und sogar einige Personen festnahm. Dieses Ereignis wurde in der lokalen Presse nicht erwähnt, aber moderate islamische Führungspersönlichkeiten aus Sousse besuchten den Katholischen Priester und sagten ihm, sie würden diesen Anschlag nicht befürworten.

Syrien
Ein anderes  Open Doors Team reiste kürzlich nach Syrien, um lokale Kirchenverantwortliche und engagierte Gläubige zu treffen. Wir können keinen der Kirchenleiter zitieren, da keiner dazu bereit war, sich zu den aktuellen Ereignissen zu äussern. Über ein Dutzend Geistliche (Priester und Ordensschwestern, die verschiedenen Katholischen und Orthodoxen Denominationen angehören) betonten alle, dass sie für die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung beten würden. Ein paar weitere Punkte  wurden erwähnt:

  • Die Menschen vertrauen dem Präsidenten nach wie vor, aber immer weniger den Ratgebern des Präsidenten;
  • Die Gespräche zwischen den Demonstranten und dem Präsidenten müssten so schnell wie möglich aufgenommen werden;
  • Infolge der Unruhen schliessen Geschäfte und das Alltagsleben wird für die Bevölkerung immer härter;
  • Inlandsreisen sind sehr kompliziert und oft auch gefährlich geworden; demzufolge unternehmen weniger Menschen Reisen, was auch negative Auswirkungen auf die Besucherzahlen von Kirchen und Klöstern hat;
  • Klöster, die sozial tätig sind, indem sie sich z.B. um Waisen kümmern, kämpfen ums finanzielle Überleben, da sie viel weniger Besucher haben als früher und infolge dessen auch viel weniger gespendet wird;
  • Radikale Islamisten treten  stärker in Erscheinung und werden aktiv. Vor allem in den Dörfern setzen sie die Christen unter Druck. Wir hörten Berichte, wonach radikale Muslime Christen nötigen, den Freitag anstatt des Sonntags zum offiziellen Feiertag zu erklären (und dies in mehrheitlich christlich geprägten Dörfern). Oder der Fall eines Christen, der dazu gedrängt wurde, sein Land an einen Muslim anstatt einem anderen Christen zu verkaufen. In den Predigten radikaler Imame taucht der Begriff “Dschihad” immer häufiger auf, was unter Christen Angst und Unruhe auslöst. Bisher ist, Aleppo, die christliche Hochburg in Syrien, ruhig geblieben. Nur wenige Menschen wagen es noch die Stadt zu verlassen und noch weniger Menschen aus anderen Gegenden des Landes besuchen Aleppo. Ein Pastor meint dazu: “Die Strassen sind gefährlich und niemand will ein Risiko eingehen. Wir fühlen uns eingeschlossen, aber wenigstens leben wir in einem friedlichen Gefängnis.”

Libyen
Inmitten des Umsturzes in Libyen bangen die Christen um ihre Zukunft. Welchen Status werden sie nach der 42-jährigen Ära Gaddafis haben? Unter welchen Bedingungen werden sie dann ihren Glauben praktizieren können? Wie viel Freiheit wird ihnen eine islamisch geprägte Regierung lassen? Noch gibt es auf diese Fragen keine Antworten. Doch fürchten sich Christen vor einem Machtgewinn von Islamisten, die das islamische Recht zur Grundlage des Neuaufbaus im Land machen wollen.

In Libyen gibt es schätzungsweise nur 150 einheimische Christen. Die Mehrheit der insgesamt 172.800 Christen unter den 6,4 Millionen Einwohnern sind Ausländer. Die meisten von ihnen haben das Land inzwischen verlassen. Gemeindeleiter aus Tripolis berichteten Open Doors, dass nahezu 75 Prozent ihrer Mitglieder aufgrund der Kriegswirren ausser Landes geflohen sind. Die Lebensbedingungen seien sehr schwierig, die Lebensmittelpreise immens gestiegen. Der Kontakt zu Christen ist schwer zu halten, da das Telefonnetz nicht stabil ist. Doch die im Land verbliebenen Gläubigen stärken und ermutigen sich gegenseitig, wie ein Open Doors-Mitarbeiter berichtet: „Jeden Tag um die Mittagszeit kommen Christen in kleinen Gruppen zusammen und beten für die Zukunft ihres Landes. Eine Gruppe aus Tripolis sagte mir, dass es ihnen im Grossen und Ganzen gut geht.“

August 2011