25.07.2016 /
Kolumbien
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Kolumbien: Christen hoffen auf positive Wirkung des FARC-Abkommens

Die Regierung Kolumbiens und die FARC unterzeichneten ein Waffenstillstandsabkommen. Ein historischer Moment und für die Kirchen ein wichtiger. Denn die Christen bezahlten unter der FARC einen hohen Preis. Ob das Abkommen halten wird? Erste Reaktionen.

 

Burgdorf/Wien, 25. Juli 2016 – Historischer Moment in Havanna: Vor Monatsfrist vereinbarten der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Führer der FARC, Timoleon Jimenez, einen Waffenstillstand. Jetzt hoffen die Christen, dass sich dieses Abkommen positiv für sie auswirkt.

Die traurige Bilanz des Krieges, den die marxistische FARC seit 1964 gegen die kolumbianische Regierung führt:  sind 220‘000 Tote und sieben Millionen Vertriebene. Wer Verantwortung im öffentlichen, im Vereins- oder Kirchenleben innehatte, musste mit der Gewalt der FARC rechnen.

 

Erzbischof: «Klare Zeichen nötig!»

Die Christen bezahlten einen hohen Preis, waren sie doch im besonderem Mass der Gewalt bewaffneter Gruppen ausgesetzt, die Pastoren ermordeten, Kirchen zerstörten, Kirchgemeinden erpressten, Leiter entführten und Kinder zwangsmässig als Soldaten rekrutierten. Dies führte dazu, dass das mehrheitlich christliche Land seit langem in der «Top 50» des Weltverfolgungsindex rangiert; derzeit auf Position 46. Nicht wenigen Christen hat ihr Eintreten gegen das organisierte Verbrechen den Tod gebracht, sie sind zur Zielscheibe von Guerillagruppen wie der FARC, der ELN und häufig mit diesen verbundenen Drogenkartellen geworden.

«Es braucht ein klares Zeichen, damit das unterzeichnete Abkommen nicht nur ein symbolischer Akt bleibt. Die Guerillakämpfer müssen ihre Waffen abgeben und öffentlich zerstören. Die Bevölkerung will die Auswirkungen des Waffenstillstands sofort sehen», erklärte der Erzbischof von Tunia. Derzeit gehören der FARC mehrere tausend Guerilla an, die Angaben schwanken von 7000 bis 15‘700.

 

Kirche noch skeptisch

Zwischen 1981 und 2012 sind in Kolumbien elf Friedensgespräche gescheitert. Gebrochene Versprechen haben weithin zu Skepsis geführt – vor allem bei der Kirche in Gegenden, in denen die FARC das Sagen hatte.

Hinzu kommt, dass die FARC während der Verhandlungen hauptsächlich im Süden und Nordosten des Landes weiter Verbrechen verübte und in ländlichen Gebieten Kinder rekrutierte, wie es 2015 im ersten Halbjahr beim Stamm der Guahibos in Guaviare geschah.

 

Kirchen von Banden bedroht

Die Christen fühlen sich nach wie vor bedroht. Die Herausforderung liegt darin, den Behörden klarzumachen, dass die Kirche in Kolumbien weiterhin von kriminellen Banden und den Drogenkartellen bedroht wird: «Anders als für Gewerkschafter oder Politiker sieht der kolumbianische Staat keinen Schutz für jene vor, die ihren Glauben ausüben», berichtet ein Beobachter vor Ort. Open Doors will auf die Bedürfnisse der verfolgten Kirche eingehen. «Den Kindern der ermordeten Pastoren, ihren Ehefrauen und all jenen, die Gewalt erlitten haben, soll endlich Gerechtigkeit widerfahren. Sie verlangen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und dass die Christen, die Opfer der Guerilla und des organisierten Verbrechens wurden, nicht aus dem kollektiven Gedächtnis des Landes gelöscht werden.»

 

Friedensstifter sein

Ein von den FARC vertriebener christlicher Leiter (aus Sicherheitsgründen wird sein Name nicht genannt) erläutert: «Wir wollen einen Beitrag zur Wahrheit leisten, aber in Kolumbien gibt es viele Akteure und Interessen. In ländlichen Gebieten sind wir gefährdet und jede Information, die wir der Regierung geben, wird gegen uns verwendet. Die Guerilleros werden bei den Rechten, die ihnen nach dem Konflikt eingeräumt werden, Zugang zu offiziellen Informationen haben.» Eine Gefahr für jeden heutigen Informanten. Ausserdem: «Wir wurden trainiert zu vergeben, nicht zu denunzieren. Unsere Rolle wird sein, diejenigen willkommen zu heissen, welche ihre Waffen abgeben, und Friedensstifter zu sein, wie wir es immer waren.»

Eine Gemeindeleiterin (die aus Sicherheitsgründen ebenfalls anonym bleiben will) erklärt gegenüber «Open Doors»: «Das Ende der FARC ist noch nicht der Anfang des Friedens; sie ist nur einer der Akteure in diesem Krieg. Die Verfolgung der Kirche hat zugenommen – durch kriminelle Banden, indigene Führer und andere Guerillagruppen.»

 

Kirche lehrt Vergebung

Manche christliche Gemeinden blicken diesem Vertrag positiv entgegen. «Das ist die Antwort auf die Gebete vieler Gemeinden, Nachtwachen und die Fürbitte, die wir viele Jahre lang durchgeführt haben, damit der Krieg in Kolumbien aufhört», so Rolando, ein Vertreter der «Christ for the City Church» in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens.

Ebenfalls in Bogota entwickelte die grosse Kirchgemeinde «Casa sobre la Roca» («Haus auf dem Felsen») einen speziellen «Vergebungslehrgang», um den christlichen Einwohnern durch acht auf biblischen Lehren beruhende Module Versöhnung nahezubringen.