24.02.2022 /
Ägypten
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Ägypten seit 100 Jahren unabhängig

Am 28. Februar feiert Ägypten 100 Jahre Unabhängigkeit. Die Freiheit ist im überwiegend muslimischen Land noch nicht bei der christlichen Minderheit angekommen. Christen leben weiterhin als Bürger zweiter Klasse im Land des Nils.

Burgdorf, 24. Februar 2022 – Das Christentum und Ägypten sind seit der Geburt Jesu Christi untrennbar miteinander verknüpft. Die koptisch-orthodoxe Kirche entwickelte sich bis zum Aufkommen des Islam in Ägypten im 7. Jahrhundert. In den kommenden Jahrhunderten wurden Christen zusehends marginalisiert. Heute ist es für Christen kaum mehr möglich, höhere Positionen in Politik, Wirtschaft, Behörden, Polizei oder im Sport zu erlangen.

Zumindest erfolgte im laufenden Monat ein erster, grösserer Schritt, der Hoffnung weckt: Am 9. Februar wurde Boulos Fahmy Eskandar als Höchster Richter des Landes vereidigt, er amtet nun als Präsident des Obersten Verfassungsgerichts in Ägypten.

Schutzmassnahmen vor Kirchen

Zwischen Stadt und Land herrschen grosse Unterschiede, erklärt Philippe Fonjallaz, CEO von Open Doors Schweiz, er traf mehrfach vor Ort in Ägypten christliche Leiter. «In Kairo sind vor vielen Kirchen Schutzmassnahmen von den Behörden eingerichtet worden. Das zeigt, dass es Risiken für die Christen gibt und dass die Regierung die Kirchen gegen Attacken schützt.»

In anderen Gegenden in Ägypten werden Christen fast systematisch unterdrückt. «Besonders jene, die einen muslimischen Ursprung haben. Sie werden von der eigenen Familie und durch die Gesellschaft bedroht. Besonders für christliche Frauen ist das Risiko gross. Verschiedentlich widerfahren ihnen Entführungen und Zwangsheirat.»

Schutzmassnahmen als Feigenblatt

In ländlichen Gegenden sind es oft lokale Behörden, welche die Christen einschränken. Zum Beispiel wenn es darum geht, eine neue Kirche zu bauen. «Die zentrale Regierung hat nicht viel Einfluss auf lokale, ländliche Gebiete», bilanziert Philippe Fonjallaz. «In Kairo sagen Christen, dass sie geschützt werden. So gibt es beispielsweise Schutzmassnahmen in christlichen Quartieren. Es gibt Risiken und Schutz, der aber als heuchlerische Feigenblatt-Politik dargestellt wird. Denn die Religionsfreiheit ist nicht gewährleistet.»
Im Alltag ist für einen grossen Teil der Christen ein latenter Druck da, wie gerade auch der Profisport veranschaulicht: Muslimische Manager lassen Christen in den Top-Clubs nicht zu, weshalb sie sich nicht entwickeln können und dadurch seit Jahren in der Nationalmannschaft komplett fehlen.

Oft Straffreiheit bei Übergriffen

Diese Diskriminierung hat zu einem hohen Mass an unternehmerischer Aktivität unter Christen geführt, da sie sich bei der Suche nach Arbeitsplätzen nicht auf den Staat oder private Arbeitgeber verlassen können. Besonders in armen und ländlichen Gebieten nimmt die Diskriminierung zu, insbesondere in Oberägypten. Lokale islamistische Gruppen wissen, wo Christen leben.
In den letzten Jahren wurden mehrere Christen angegriffen, nachdem sie angeblich den Islam beleidigt oder eine Beziehung mit einer muslimischen Frau gehabt haben sollen. Die Polizeipräsenz und die Kontrolle durch die Regierung sind in ländlichen Gebieten weniger streng, und Angriffe des Mobs bleiben oft ungestraft. Auf staatlicher Ebene spionieren Sicherheits- und Nachrichtendienste Konvertiten aus und versuchen, sie zu zwingen, Informationen über die Aktivitäten von Konvertitengruppen zu liefern.
Ägypten steht auf der Liste der 50 Länder, in denen Christen der extremsten Verfolgung ausgesetzt sind, auf Platz 20.