07.06.2021 /
Tunesien
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Tunesien: 10 Jahre nach dem Arabischen Frühling, Christen immer noch unter Druck

Tunesien, das Land, das vor zehn Jahren den Arabischen Frühling auslöste, kämpft weiterhin mit dem Umgang mit Vielfalt und religiösem Pluralismus innerhalb seiner Gesellschaft.

Diskriminierung, Ächtung, Angriffe ... Für die Christen in Tunesien ist die Religionsfreiheit kein Thema. Zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling haben sie das Gefühl, dass sie Bürger zweiter Klasse geblieben sind.
In Tunesien gibt es immer noch keine anerkannte Kirche und die Christen müssen sich heimlich treffen. Die Sicherheitsdienste haben ein wachsames Auge auf Gläubige und Polizisten in Zivil geben sich als Christen aus, um Hausgruppen zu infiltrieren.

Hassbotschaften häufen sich

Aber der tunesische Staat ist nicht allein für die Verfolgung verantwortlich. Die Gewalt in Tunesien nimmt zu, was durch den Anstieg des Landes auf dem Weltverfolgungsindex in den letzten zwei Jahren belegt wird. Und dem radikalen Islamismus ist dieser Trend nicht fremd. Im Jahr 2020 wurden mehrere Hauskirchen von religiösen Extremisten angegriffen. Angriffe, die in der gesamten christlichen Gemeinschaft Angst verbreitet haben.
In den sozialen Netzwerken häufen sich die Hassbotschaften gegen Christen. Kürzlich haben zwei Imame ein Video ausgestrahlt, in dem sie zur Tötung von Christen aufrufen und sie beschuldigen, ausländische Spione zu sein und sich dem Islam zu widersetzen.

Anfeindungen im Alltag

Anfeindungen begegnen Christen auch im Alltag: Sie werden von ihren Familien, ihren Bekannten und den Bewohnern ihrer Nachbarschaft belästigt. So zum Beispiel die 50-jährige Christin Hadida (Name geändert), die von ihrem Bruder auf die Anschuldigung ihrer Schwestern hin verprügelt wurde. Sie versuchte, eine Beschwerde einzureichen, aber die Polizei weigerte sich, zuzuhören.

Relative Freiheit

Laut einem Bericht über die Religionsfreiheit, der von der NGO «Attalaki», die sich für Menschenrechte in Tunesien stark macht, veröffentlicht wurde, betrachtet der Staat religiöse Minderheiten eher als Bedrohung denn als Bereicherung für die Gesellschaft. Doch die tunesische Verfassung von 2014, die den Islam zur Staatsreligion macht, garantiert seinen Bürgern die Religionsfreiheit.
In Tunesien gibt es kein Gesetz, das Blasphemie oder Apostasie unter Strafe stellt: Es ist theoretisch möglich, seine Religion zu wechseln. Christen können Organisationen gründen und Konferenzen organisieren. Sie können internationale Kirchen besuchen. Aber der Druck von Seiten der Familie und der Gesellschaft bleibt hoch und die Straflosigkeit, mit der die Verfolger agieren, ist besorgniserregend.