09.09.2022 /
Kamerun
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Kamerun: Gesichter der wachsenden Unsicherheit

Auf ihrer Reise nach Kamerun traf unser Team von Schweizer Frauen Christinnen aus dem Norden des Landes. Unter ihnen Amina* und Rebecca*, die schwer verfolgt werden. Ihr Zeugnis zeigt auch die Unfähigkeit einer Regierung, ihre Bevölkerung vor islamistischen Angriffen zu schützen.

Amina ist 18 Jahre alt. In einem Alter, in dem andere ihre Ausbildung abschliessen, lebt diese Christin mit muslimischem Hintergrund versteckt bei einer unserer Partnerinnen, damit ihre Familie sie nicht finden kann. Denn als ihre Mutter die Bibel fand, in der sie seit einigen Monaten nachts las, wurde sie von Familienmitgliedern geschlagen und mit all ihren Sachen vor die Tür gesetzt.

Von der Familie verstossen

Sie haben auch ihre Geburtsurkunde gestohlen, was der jungen Frau künftige Behördengänge sehr erschwert. Amina wird telefonisch bedrängt, ihren neuen Glauben an Jesus aufzugeben. Sie hofft und betet, dass sich die Beziehung zu ihrer Mutter beruhigt. Die junge Frau leidet darunter, dass ihre Mutter in der Nachbarschaft über sie sagt: «Solange sie nicht begraben ist, haben die Christen sie nicht gewonnen.»

Im August grünt die Landschaft in Kamerun. Es ist Regenzeit und die Felder mit Mais, Hirse oder Erdnüssen liegen rund um die Dörfer im Norden des Landes. Die meisten christlichen Familien leben dort von ihren Ernten, die ihnen als Tauschmittel dienen, wenn die Temperaturen auf 45 Grad steigen und das Wasser knapper wird.

Vor ihren Augen getötet

So waren Rebecca und ihr Mann vor einiger Zeit mit anderen Christen aus ihrem Dorf auf dem Rückweg vom Markt, als sie von Boko Haram angegriffen wurden. Die Kämpfer kamen aus dem Busch und schossen auf sie. Beim dritten Schuss brach Rebeccas Mann tödlich verletzt zusammen. Sie selbst blieb nur am Leben, weil sie ohnmächtig wurde.

Ernte – aber nicht für alle 

Heute lebt sie als Geflüchtete in der Stadt und muss allein neun Kinder versorgen; sie kann nicht mehr auf ihre Felder zurückkehren, weil es zu gefährlich geworden ist. «Warum hat Gott eine solche Situation zugelassen?», fragt sie und erklärt, dass die Näharbeiten, die sie verrichtet, kaum ausreichen, um Wasser und Lebensmittel zu kaufen und die drei Zimmer zu bezahlen, die sie für ihre Familie bei Bekannten mietet. 

Verwundbar durch Angriffe

Die zunehmende Verfolgung im Norden hat noch weiter reichende Auswirkungen als die Traumata, die durch die Gewalt verursacht werden. Die betroffenen Christen werden mit einem Schlag äusserst verwundbar und verlieren ihr Zuhause, ihr Sozialleben, ihre Felder und damit ihr Einkommen, wenn sie nach einem Angriff zur Flucht gezwungen sind, um zu überleben. 

Die Regierung verharmlost

Im äussersten Norden des Landes sind ganze Landstriche entvölkert, vor allem nahe der Grenze zu Nigeria. Doch die kamerunische Regierung spielt die Situation herunter und wiederholt, dass ihre Armee die Lage unter Kontrolle hat. Sie möchte ihren Status als «sicheres Land» in Afrika beibehalten und nicht mit ihren instabilen Nachbarn wie Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik in Verbindung gebracht werden. Dennoch kam es dort in der Woche dieser Reise zu zwei Angriffen von Boko Haram, bei denen jeweils ein Mensch ums Leben kam.