Nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad nahm die Gewalt gegen Christen in Syrien deutlich zu, berichtet das internationale Hilfswerk für verfolgte Christen Open Doors. Die Gewalt führt auch in Ländern Subsahara-Afrikas wie Sudan und Mali zu einem historischen Anstieg der Punktzahl auf dem Weltverfolgungsindex, der jährlichen Rangliste der Länder, in denen es am schwierigsten ist, als Christ zu leben. Nigeria bleibt das globale Epizentrum tödlicher Gewalt gegen Christen.
Der Sturz des Diktators Baschar al-Assad hat die Lage der Christen in Syrien rückblickend nicht verbessert, sondern neue Ängste und Gewalt ausgelöst. Das verdeutlichen die Zahlen des neuen Weltverfolgungsindex aus dem Berichtszeitraum 1. Oktober 2024 bis 30. September 2025, den das internationale christliche Hilfswerk Open Doors am 14. Januar 2026 veröffentlicht hat. Daran wird deutlich, dass die Lage der Christen in Syrien sich stärker als irgendwo sonst verschlechtert hat. Als Folge davon rückt das Land im Vergleich zum Vorjahr von Platz 18 auf Platz 6 des Weltverfolgungsindex vor.
Einem Höchstmass an Gewalt sind Christen im Sudan (Platz 4), in Mali (15) und Nigeria (7) ausgesetzt. Nigeria nimmt hierbei erneut eine Sonderstellung ein: Von den 4849 Christen, die weltweit während des Berichtszeitraums wegen ihres Glaubens getötet wurden, stammen 3490 aus Nigeria.
Der Weltverfolgungsindex (WVI) 2026 in Zahlen:
- 388 Millionen Christen weltweit sind wegen ihres Glaubens mindestens in hohem Masse Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt (WVI 2025: 380 Mio.).
- 4849 Christen weltweit wurden in Zusammenhang mit der Ausübung ihres Glaubens getötet (WVI 2025 4476). Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
- Die Zahl sexueller Übergriffe, Vergewaltigungen und Zwangsehen im Zusammenhang mit dem ihrem christlichen Glauben der Opfer stieg von 3944 (2025) auf 5202.
- Angriffe auf Kirchen oder kirchliche Einrichtungen gingen von 7679 (2025) auf 3632 zurück.
Christen in Syrien desillusioniert
Syriens Punktzahl stieg um 12 Punkte auf 90 – den höchsten Wert aller Zeiten – und kletterte damit auf der Weltverfolgungsliste 2026 vom 18. auf den 6. Platz.
Der Hauptgrund dafür war ein Anstieg der Gewaltbewertung um 9 Punkte von 7,0 auf 16,1 (maximal möglich: 16,7). World Watch Research hat bestätigt, dass im Berichtszeitraum mindestens 27 syrische Christen wegen ihres Glaubens getötet wurden, gegenüber null im Vorjahr. Bei einem Selbstmordanschlag auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025 wurden 22 Christen getötet und 63 weitere verletzt.
Die Gewalt ging über Morde hinaus. In Hama griffen unidentifizierte Bewaffnete die griechisch-orthodoxe Erzdiözese an, zerstörten Kircheneigentum und religiöse Symbole und schändeten Gräber auf einem nahe gelegenen christlichen Friedhof. Auch in anderen Regionen Syriens wurden weitere Kirchen angegriffen und christliche Schulen vorübergehend geschlossen, und die Angriffe auf Kirchengebäude nahmen dramatisch zu.
«Der Angriff in Damaskus veranlasste viele Christen, nicht mehr zur Kirche zu gehen», stellten die Forscher fest. Die Angst vor weiteren Angriffen und dem Aufstieg des islamischen Radikalismus hat die Gläubigen dazu veranlasst, christliche Symbole zu verstecken und öffentliche Bekundungen ihres Glaubens zu vermeiden.
«Als das Assad-Regime im Dezember 2024 fiel, gab es vorsichtigen Optimismus, dass die Christen in Syrien unter der neuen Führung von Hay'at Tahrir al-Sham eine Atempause finden könnten. Stattdessen haben wir eine verheerende Kehrtwende erlebt – Selbstmordattentäter, die auf Christen zielen, entweihte Kirchen und Gläubige, die gezwungen sind, sich zu verstecken», erklärt Philippe Fonjallaz, Leiter von Open Doors Schweiz. «Nach Jahren relativer Ruhe nach der territorialen Niederlage des IS ist Syrien wieder in unsere Top 10 zurückgekehrt, wobei die Gewalt gegen Christen ein hohes Niveau erreicht hat. Der Anschlag im Juni in Damaskus, bei dem 22 Christen getötet wurden, zerstörte jede Illusion von Sicherheit. Diese harte Realität erfordert dringende Aufmerksamkeit: Wenn der Schutz durch den Staat zusammenbricht und extremistische Ideologien die Lücke füllen, zahlen religiöse Minderheiten den Preis dafür. Die Welt darf nicht wieder wegsehen.»
Nur noch 300'000 Christen leben derzeit in Syrien – Hunderttausende haben das Land verlassen. Eine ähnliche Entwicklung hat im Irak (18) bereits stattgefunden und ist derzeit im gesamten Nahen Osten zu beobachten.
Situation in Subsahara Afrika verschärft sich weiter
Doch im Blick auf die Anzahl betroffener Christen weist eine andere Region ein noch deutlich höheres Mass an religiös motivierter Verfolgung auf: In den 14 Ländern Subsahara-Afrikas, die auf dem Weltverfolgungsindex stehen, leben mehr als 721 Millionen Menschen. Fast die Hälfte davon sind Christen.
Nigeria bleibt das globale Epizentrum tödlicher Gewalt gegen Christen. Von den 4849 Christen, die weltweit während des Berichtszeitraums wegen ihres Glaubens getötet wurden, waren 3490 Nigerianer – ein Anstieg gegenüber 3100 im Vorjahr. Bei einem Vorfall im Juni 2025 griffen militante muslimische Fulani die christliche Bauerngemeinde Yelwata im Bundesstaat Benue vier Stunden lang an und erschossen oder verbrannten 258 Menschen, darunter vor allem Frauen und Kinder. Die Empörung, die US-Präsident Donald Trump im November 2025 über die beträchtliche Zahl nigerianischer Christen zum Ausdruck brachte, die jedes Jahr aufgrund ihres Glaubens getötet werden, stiess weltweit auf grosses Interesse, und die Medien bemühten sich, die Dynamik der Verfolgung in diesem Land zu verstehen.
Der Konflikt in Nigeria ist komplex, aber das darf nicht von der Absicht ablenken. In aufgezeichneten Berichten von Opfern zitieren diese ihre militanten Fulani-Angreifer mit den Worten: «Wir werden alle Christen vernichten.» Entführte Christen berichten, dass ihre Entführer von Boko Haram zu ihnen gesagt hätten: «Wenn ihr Muslime wärt, würdet ihr nicht so gefoltert werden.»
Vor dem Bürgerkrieg im streng islamisch geprägten Sudan sind mittlerweile 9,6 Millionen Menschen geflohen. Beide Kriegsparteien – die Armee und die Rapid Support Forces – nehmen immer wieder die kleine christliche Minderheit ins Visier, um ihr islamisches Profil zu stärken. Dieses Muster setzt sich in der gesamten Region fort: Schwache Regierungen schaffen ein Machtvakuum, das von militanten Islamisten ausgefüllt wird. Sie operieren weitgehend ungehindert in Teilen von Burkina Faso (16), Mali (15), der Demokratischen Republik Kongo (29), der Zentralafrikanischen Republik (22), Somalia (2), Niger (26) und Mosambik (39).
In die Isolation getrieben
Jenseits physischer Gewalt dokumentiert der Weltverfolgungsindex 2026 eine weitere Entwicklung, die die Religionsfreiheit von Christen global bedroht: Kirchen werden durch Überwachung und strenge Regulierung in den Untergrund getrieben. Das gilt in Algerien (20), wo die Regierung mittlerweile verstärkt die Online-Aktivitäten christlicher Gemeinschaften einschränkt.
Während die Gesamtpunktzahl von Algerien bei 77 Punkten blieb, verschob sich die Zusammensetzung dramatisch. Alle protestantischen Kirchen mussten bereits bis 2024 schliessen, was die aktuelle Gewaltpunktzahl senkte, aber die Christen in die Isolation trieb. Gleichzeitig stiegen die Punktzahlen, die den Druck im Gemeinschaftsleben und im nationalen Leben messen. Die Behörden schlossen eine christliche Facebook-Gruppe mit mehr als 50'000 Followern und blockierten kirchliche Aktivitäten. Mehr als 75% der algerischen Christen haben den Kontakt zur Gemeinde verloren.
Eine ähnliche Dynamik ist in China (17) zu beobachten, wo ein Rekordwert von 79 Punkten ausschliesslich auf den erhöhten Druck im nationalen Leben zurückzuführen ist – nicht auf Gewalt. Die Vorschriften vom September 2025 zum Online-Verhalten von Geistlichen verbieten Bibel-Apps, Spendensammlungen und Jugendarbeit und verlangen von religiösen Führern, die Kommunistische Partei zu unterstützen. Unabhängige Hauskirchen, die sich einst in grossen Einkaufszentren trafen, haben sich in geheime Gruppen von 10 bis 20 Personen in Privathäusern aufgespalten.
Dieses Muster erstreckt sich auch auf Tunesien, Mauretanien und Vietnam, wo strengere bürokratische Kontrollen, Überwachung und vage Restriktionen Christen systematisch von der Gemeinschaft isolieren.
TOP 50 mit sehr hoher und extremer Verfolgung
In den 50 Ländern des Weltverfolgungsindex (WVI) sind rund 315 Millionen Christen einem sehr hohen bis extremen Mass an Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Betrachtet man ausserdem die Länder mit einem hohen Mass an Verfolgung, so sind mehr als 388 Millionen Christen betroffen. Mittels einer Indexpunktzahl werden die Länder den Verfolgungsrubriken «extrem» (81-100 Punkte), «sehr hoch» (61-80 Punkte) und «hoch» (41-60 Punkte) zugeordnet.
Top 10 im WVI 2026 (Rang im WVI 2025 in Klammern):
- Nordkorea (1)
- Somalia (2)
- Jemen (3)
- Sudan (5)
- Eritrea (6)
- Syrien (18)
- Nigeria (7)
- Pakistan (8)
- Libyen (4)
- Iran (9)
Weitere Länder mit extremer Verfolgung :
11. Afghanistan (10)
12. Indien (11)
13. Saudi-Arabien (12)
14. Myanmar (13)
15. Mali (14)